Geschichtenbuch "Paukwa"

Paukwa – Geschichten aus Sansibar
In einer Gesellschaft, die oral geprägt ist, muss diesen Traditionen Rechnung getragen werden. Bücher sollen nicht die alten Geschichten verdrängen! Bücher stehen nicht in Konkurrenz, sie stehen nicht im Konflikt zu dem, was die Alten zu berichten haben! Die Alten und ihre Geschichten wurden einbezogen, sie wurden aufgeschrieben und dann als kleines Buch in die Bücherreihen der Bibliothek eingeordnet.


Ein großer Fang
erzählt von Akama Pandu Saleh
Vor langer Zeit gab es ein kleines Dorf an der Küste, dessen Bewohner sich ihren Lebensunterhalt/ überwiegend durch Fischfang verdienten. Jede Nacht fuhren sie aufs Meer hinaus und brachten ihren Fang am nächsten Morgen mit nach Hause. Die Fische wurden mit der Zeit immer kleiner und es war schwer, davon noch satt zu werden. Eines Tages fing ein junger Fischer jedoch einen Fisch, der so groß war, dass er diesen seinem Vater zeigen wollte. Der Vater war sehr überrascht von jenem großen Fang seines Sohnes, so dass er vorschlug, ihn der Dorfgemeinschaft zu präsentieren. So zogen sie also dahin und die Leute im Dorf waren überwältigt von diesem Riesenexemplar, so dass sie beschlossen, ihn dem Bürgermeister zu zeigen. Der Bürgermeister konnte seinen Augen kaum trauen und schlug vor, diesen Fisch dem Sultan zu zeigen und ihm den Fisch zum Kauf anzubieten. Zufrieden mit dieser Idee gingen alle zum Palast des Sultans, um ihm diesen prächtigen Fisch zu zeigen. Der Sultan jedoch sagte: "Das ist ja ein großer Fisch. Lasst uns ihn einem Weißen zeigen, so dass er ein Foto davon machen kann!" Als dann der Weiße kam, wünschte er sich, den Fisch unbedingt im Ozean fotografieren zu dürfen. So setzten sie den Fisch wieder ins flache Wasser, doch ehe sie sich versahen, schwamm er weg, so dass die Dorfbewohner am Ende wieder mit leeren Händen da standen.
(Erstmals veröffentlicht in Paukwa – Geschichten aus Sansibar, Eigenverlag 2005)
Hunderte von Geschichten warteten nur darauf, weitergegeben zu werden – diese Erfahrung machten wir, als wir eine Woche lang gemeinsam mit unseren Partnern in den fünf Dörfern und im Stadtteil Mikunguni (von Sansibar Town) von Haus zu Haus zogen, um alte Frauen und Männer nach den Geschichten ihrer Kindheit zu befragen. Die Alten waren stolz, wieder einmal erzählen zu dürfen, wichtiger zu sein als Fernsehen, Video, Computer oder Fußballspiel. Ein Buch voller Geschichten ist entstanden. Geschichten, an die sich die Alten in Bambi, Uzini, Fukuchani, Chukwani, Mikunguni und Uroa erinnerten. Diese Geschichten wurden von ihren Kindern und Enkeln erstmals aufgeschrieben, damit sie nicht verloren gehen, damit sie ihren Platz in den gerade entstehenden dörflichen Schulbibliotheken finden. Die Bibliotheken der beteiligten Schulen beherbergen so vom ersten Tag an die Traditionen ebenso wie das Wissen und die Gedanken aus allen Ecken der Welt. Damit die Welt die Geschichten aus Sansibar auch erfährt, wurden sie gemeinsam ins Deutsche übertragen. In der interkulturellen Woche wurden die Geschichten Ausgang für wunderschöne Illustrationen, die Kinder verschiedener Altersstufen in der Landesbibliothek Potsdam anfertigten und sich so ganz kreativ der Insel Sansibar näherten.

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